„Wirklichkeit trifft Anspruch”

Kinderrechte-Kongress-Dresden am 22./23. September 2016

„Kinderrechte in die Verfassung“ ist eine viel gehörte Forderung  - „Elternrechte stehen in der Verfassung“ eine ebenso häufige Entgegnung. Und doch sind es die Elternrechte, die die Wirklichkeit der Kinder- und Jugendhilfe bestimmen.

Kinderrechte und Elternrechte: Gegensätze, Pole eines Spannungs-verhältnisses oder doch nur zwei Seiten der gleichen Medaille sozialstaatlicher Verpflichtungen, die bedeuten, für ein gutes und gesundes Aufwachsen aller jungen Menschen zu sorgen? Was prägt die Wirklichkeit in der Praxis und was das Denken in und für die Kinder- und Jugendhilfe?

„Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ - dieses Leitmotto des 11. Kinder- und Jugendberichtes von 2001 skizziert gut den zentralen Auftrag an die staatliche Gemeinschaft, also auch an die Kinder- und Jugendhilfe.

 ·  Kinderrechte betonen die eigenständigen Ansprüche und das unmittelbare Recht junger Menschen – eine wichtige Akzentuierung,  weil sie auch in der Jugendhilfe viel zu lange als Objekte von Fürsorge und Erziehung begriffen und behandelt wurden statt als handlungsmächtige Subjekte, die gesehen, gefragt und beteiligt werden wollen.

 ·  Eltern sind und bleiben die ersten und wichtigsten Erwachsenen, die für ihre Kinder Verantwortung tragen. In dieser Verantwortung respektiert sowie vor Übergriffen auch staatlicher Gewalten geschützt zu werden, darauf haben Eltern ein natürliches Recht.

 ·  Kinder wiederum haben ein natürliches Recht auf Eltern, die sie gut versorgen und erziehen können, wenn nötig mit Unterstützung und Hilfe durch die staatliche Gemeinschaft.

Eltern wie Kinder haben also ganz grundsätzliche Rechte auf all die Unterstützung, Entlastung und Hilfe, die erforderlich ist, damit das immer riskante „Unternehmen“, Kinder gut groß zu ziehen bzw. in dieser Welt gesund groß zu werden, auch nur einigermaßen gelingen kann.

Und genau hier wird die Medaille sichtbar, ohne die Kinder- und Elternrechte gar nicht denkbar sind: eine aktive staatliche Gemeinschaft, die ihre öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen aller Kinder ebenso grundgesetzlich behauptet wie praktisch wirkungsvoll gestaltet.

Wenn also über Kinderrechte und Elternrecht gesprochen werden soll, dann muss zuerst und zuletzt über die öffentliche Verantwortung gesprochen werden, hier also vor allem – nicht nur  - über die öffentliche Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe – und zwar ebenso grundsätzlich wie konkret.

Denn trotz aller Begründung ist diese Debatte über Kinderrechte, Elternrecht und öffentliche Verantwortung durchaus streitbar und konfliktträchtig: zuverlässiger Kinderschutz und Belastbarkeit sozialer Dienste, Respekt vor familiären Identitäten und verbindliche Bildungsziele, Qualitätsstandards und Personalausstattungen, Fachlichkeit und Geld sind nur Beispiele für solche kontroversen Themen.

All diesen grundsätzlichen wie konkreten Auseinandersetzungen liegt aber immer wieder eine Frage zu Grunde: Können sich alle jungen Menschen hier und heute darauf verlassen, dass ihre unveräußerlichen Menschenrechte auf Achtung ihrer Würde (Art. 1 GG) und auf gesundes Aufwachsen und gute Entwicklung (Art. 2 GG) in einem produktiven Zusammenwirken von Eltern und staatlicher Gemeinschaft ebenso aktiv ermöglicht wie entschieden geschützt werden? An diesem Anspruch muss sich die Kinder- und Jugendhilfe messen lassen.

Und gleichzeitig müssen die Wirklichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe – ihrer Fachkräfte und Organisationen - zur Kenntnis genommen werden, die einerseits in der „Mitte der Gesellschaft angekommen“ (14. Kinder- und Jugendbericht, 2013) und andererseits vielfach bis über ihre Grenzen gefordert sind.

Halten diese Wirklichkeiten den skizzierten Ansprüchen stand? Was kommt bei Kinder und Jugendlichen an? Und was würde sich tatsächlich für junge Menschen ändern,  ständen Kinderrechte in der Verfassung?  

Über diese Fragen zu Kinderrechten, Elternrecht und öffentlicher Verantwortung, über ihre Widersprüche und ihr Zusammenwirken nachzudenken, zu streiten und sich zu verständigen, soll auf dem Kinderrechte-Kongress am 22. und 23.9.2016 in der TU Dresden Raum und Gelegenheit geboten werden.